Interview mit Dr. Philip Streit und Mag. Mario Leitner zu den Jugendkrawallen in England
Interview mit Dr. Philip Streit und Mag. Mario Leitner zu den Jugendkrawallen in England
Vor einigen Tagen zogen vor allem in der Nacht Jugendliche durch London. Scheinbar sinnlos zerstörten sie alles, was sich ihnen in den Weg stellte, plünderten Geschäfte und hatten offensichtlich großen Spaß daran. Wie kann es zu so etwas kommen?
Streit: Hören wir diesen Jugendlichen genau zu. Ihre Aussagen, die zum Beispiel in der kanadischen National Post zitiert wurden, sprechen eine deutliche Sprache. “Wir zeigen der Polizei, dass sie uns nicht stoppen kann!”, “Es ist wegen der Reichen, wegen der Cameron Regierung!” “Wir können machen, was wir wollen und keiner kann uns aufhalten!” Hier geht es um Anerkennung, Bedeutung, darum wahrgenommen zu werden. So können Reaktionen von jungen Menschen aussehen, die keine Zukunft vor sich sehen, die keinen Rückhalt in sicheren Beziehungen haben, die Angst haben, es nicht zu schaffen. Das war schon in den Pariser Vorstädten 2005 so. Gewalt gibt den Anschein von Bedeutung und Stärke, verbindet und ist - einmal losgetreten – ansteckend. Sie schafft darüber hinaus Bindung und reduziert sozialen Schmerz, der nach Joachim Bauer der Sinn von Aggression ist.
Also mehr soziale Botschaft als Spaß um des Spaßes und des geraubten I-Phones Willen, ausgeführt von entwurzelten Jugendlichen, wie britische Medien schreiben?
Streit: Ja und das offizielle Großbritannien täte gut daran diese Botschaft zu hören. Aber lassen Sie mich noch einmal zum “Spaß” kommen. London ist auch ein Beispiel dafür, wie Jugendgewalt “Kult” wird. Zerstören und Randale geben Kraft und Stärke, geben Selbstwert -einfach aus der Handlung heraus. Gewalttätig handeln ist etwas von besonderem Wert und bekommt Kultstatus. Das gibt Kraft. Das ist nicht als Spaß und sinnloses, anarchistisches Konsumstreben mißzuverstehen.
Leitner: Dazuzugehören ist lebenswichtig - soziale Ablehnung, Ausgrenzung ist einer der Hauptgründe für Gewaltausbrüche einzelner als auch ganzer Gruppen. Empirische Studien belegen dies. Hier wurden die Bedürfnisse der Jugend (Arbeit, ...) von der gesamten Gesellschaft übersehen - es entsteht zunächst Wut die noch beziehungssuchend ist. Aufgrund von Resignation erleben wir in Großbritannien jedoch derzeit bereits Formen blanken, destruktiven Hasses auf die Gemeinschaft - ein Feindbild hat sich aufgebaut - von Protest aus Wut haben wir uns anscheinend bereits entfernt. Es geht jetzt um ein “wir” oder “die” aus Abstumpfung und Antipathie. “Du oder ich”- Hass will vernichten. Forschungen belegen, dass nun mehr der zuvor spürbare (soziale) Schmerz nicht mehr empfunden wird. Aufgrund eigener Gefühllosigkeit ist keine Empathie mehr für die Gesellschaft möglich. Aufgrund der Destruktivität der jetzigen Gewaltakte ist es schwierig sozialkritisch auf Ursächliches zu schauen, die Jugend scheint aus blanker Zerstörungslust gewalttätig zu sein, zu plündern und zu rauben - das stimmt ja jetzt auch.
Streit: Eigentlich geht es um ganz etwas anderes.
Worum?
Streit: Wir müssen uns die Mühe machen die dahinterliegenden Bedürfnisse zu sehen, auch wenn es schwerfällt angesichts der Massivität und scheinbaren Sinnlosigkeit der Gewalt. Das sind inadäquate Lösungsversuche - möglicherweise in stärkerem Ausmaß organisiert über soziale Medien, als wir wahrhaben wollen – um aus der Falle der Bedeutungslosigkeit zu entkommen. Randalierer einfach als “krank” zu bezeichnen, greift wohl zu kurz.
Leitner: Der Zorn dieser Jugendlichen steht auch dazu in Beziehung und spricht die Gerechtigkeit an. Wut ist das Beziehungssuchende - will Beziehung, der Zorn fährt wie der Blitz vom Himmel und sucht die Klärung, sucht die Gerechtigkeit, wo Ungerechtigkeit erlebt wird . Wenn Aggression mit Gerechtigkeitsgefühlen verbunden wird, wird der Zorn bestrafend. Die Jugend straft die Gesellschaft und endet im destruktiven Hass - „entweder du oder ich“. Wut, Zorn und Hass sind die mit Gewalt zentral verbundenen Gefühle.
Also sind die Randalierer bemitleidenswerte, schützenswerte Individuen?
Streit: Dieser Vorwurf kommt immer, wenn man versucht hinter die Kulissen zu blicken. Aber, um klarzustellen: Natürlich müssen die Randalierer mit aller gebotenen Strenge zur Verantwortung gezogen werden. Jeder von ihnen hat seine persönliche Verantwortung für sein Tun. Es muss ihnen klar vor Augen geführt werden, dass wir, jeder einzelne von uns, nicht gewillt sind, so etwas hinzunehmen. Aber das ist nur die eine Seite.
Und die andere?
Leitner: Um gegen solche Gewaltausbrüche gewappnet zu sein, die, wenn die Situation passt, also der soziale Schmerz zu groß wird, wie nach der Erschießung des farbigen
29-Jährigen in London, eruptionsartig vor sich gehen, braucht es eine Strategie der Begegnung und wachsamen Sorge jedes einzelnen von uns.
Was meinen Sie damit?
Streit: Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass ein Meer von Polizei und Staatsmacht das Problem der Jugendgewalt löst und uns auf ewige Zeiten vor Randalen schützt. Es geht um Begegnung und Präsenz. Unsere Kinder und Jugendliche müssen wissen, dass sie auf uns zählen können, dass wir für sie da sind, aber auch, dass wir uns unangemessenen Verhaltensweisen entgegenstellen werden. Diese Verantwortung ist nicht abzutreten und erfordert Zivilcourage. Sie ist herausfordernd und befriedigend zugleich.
Ist das mit den Aktivitäten von Jugendlichen des Arabischen Frühlings zu vergleichen?
Streit: Wohl nur bedingt. Wut und Zorn haben und hatten im Arabischen Frühling eine andere Stoßrichtung. Aber es wäre fatal, die politische Dimension der jüngsten Vorfälle in England zu unterschätzen. Hier zeigt sich deutlich: So kann es nicht weitergehen mit der Jugend in den sogenannten “modernen” Ländern.
Danke für das Gespräch.
Dr. Philip Streit ist Klinischer und Gesundheitspsychologe und Leiter des Institutes und der Akademie für Kind, Jugend und Familie in Graz. In seinem gemeinsam mit Mario Leitner verfassten und 2010 erschienen Buch “Jugendkult Gewalt – Was unsere Kinder aggressiv macht” beschäftigt er sich mit den sozialen und psychischen Hintergründen der Jugendgewalt.
Mag. Mario Leitner ist Klinischer und Gesundheitspsychologe sowie freiberuflicher Mitarbeiter des Institutes für Kind, Jugend und Familie
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